Medizinsche
Flüchtlingsbegleitung
Im heutigen
Seminar behandelten die Teilnehmer gemeinsam mit Dr. Winfried Eisenberg
von der
IPPNW das Thema der medizinischen Flüchtlingsbegleitung in
Deutschland. Zur
Einführung stellte der Mediziner, der sich bereits seit über
20 Jahren
innerhalb der IPPNW engagiert, die derzeitige Situation in Deutschland
dar.
Entgegen
den oft verlauteten „Asylantenfluten“, sind die Zahlen der
Asylanträge in
Deutschland nämlich seit etwa 10 Jahren rückläufig.
Waren es kurz nach Öffnung
des Eisernen Vorhangs noch über 400.000 Anträge pro Jahr,
beantragten im Jahr
2002 lediglich 75.000, im Jahr 2003 50.000 Menschen Asyl in
Deutschland. Dieses
Jahr werden die Zahlen vermutlich erneut gesunken und ca. bei 30.000
Asylanträgen liegen. Dies entspricht etwa 5 Anträge pro
10.000 Einwohnern.
Verglichen mit Ländern wie Österreich oder den
skandinavischen Ländern, wo
diese Rate bei etwa 40 Anträgen pro 10.000 Einwohnern liegt, liegt
Deutschland
im unteren Mittelfeld.
Wenn
man bedenkt, dass nur etwa 5% dieser Anträge auch bewilligt
werden, die anderen
über kurz oder lang in Ausweisungen enden, kann man nicht
verstehen, woher das Gerede
von Asylfluten überhaupt stammt. Wir schieben Menschen in
Länder ab, obwohl wir
wissen, dass sie dort verfolgt und gefoltert werden und regen uns
darüber auf,
wenn sie in den Untergrund gehen, um diesem Schicksal zu entfliehen.
Die
Politik hat eine Stimmung der Angst und der Abgrenzung geschaffen in
der Aslyanten
als bedrohlich angesehen werden und nicht als die Opfer, die sie
eigentlich
sind. Noch schlimmer wiegt die Tatsache,
dass an den unrechtmäßig durchgeführten Abschiebungen
stets auch Ärztinnen und
Ärzte beteiligt sind, die gegen Bezahlung psychische Gutachten im
Sinne der Behörden
verfassen, ohne sich mit der Situation ihrer Patienten eingehend zu
befassen. Unbefangene
Untersuchungen werden nicht erwünscht, Mediziner zu
Vollzugspersonen
herabgestuft und in den Dienste der Abschiebeprozesse gestellt. Gerade
die Ärzte,
die sich ja eigentlich höheren Idealen verschrieben haben sollten,
spielen in
diesem Krimi eine besonders unrühmliche Rolle.
Durch
ihre restriktiv ausgelegte Asylpolitik treiben die Behörden viele
Menschen in
den Untergrund. Ohne Aufenthaltsgenehmigung und in der ständigen
Angst lebend, in
ihre Heimatländer abgeschoben zu werden wo sie oft politisch
verfolgt werden
oder ihnen Folter droht, leben diese Menschen ein Leben, dass sich
unsereins
nur schwer vorstellen kann. Seriösen Schätzungen zu folgen
handelt es sich bei
der Anzahl der „Papierlosen“ in Deutschland um mittlerweile 1-1,5
Millionen
Menschen, darunter zahlreiche Frauen und Kinder. Obwohl sie nichts
unrechtes
getan haben und lediglich ihren Wohnort selbst bestimmen wollen, werden
sie von
den Behörden als „Illegale“ bezeichnet, polizeilich gesucht und
bei Entdeckung
abgeschoben. Die Dimension des Problems steht in keinerlei Relation zu
seiner
Behandlung in den Medien oder im öffentlichen Diskurs, denn
über die Situation
der Papierlosen ist nahezu nichts bekannt.
Aber
nicht nur abgewiesene Asylsuchende, auch Arbeitsmigranten ohne
Aufenthaltsgenehmigung, darunter mehrheitlich Frauen, die als
Kindermädchen
oder Putzfrauen arbeiten und nach Deutschland verschleppte und zur
Prostitution
verschleppte Frauen leben als „Papierlose“ in diesem Land. Dies
bedeutet unter
anderem, dass sie ihren Kindern keine Schulbildung ermöglichen
können, keine
soziale Unterstützung erhalten und keine medizinische Hilfe
erwarten können. Selbst
bei schweren Krankheiten, quälenden Schmerzen oder
Schwangerschaften sind die
Papierlosen auf sich allein gestellt und trauen sich nicht,
ärztliche Hilfe
aufzusuchen, da eine Entdeckung und eine anschließende
Abschiebung droht, die
auch nicht davor halt macht, Familienmitglieder zu trennen, sollten
nicht alle „illegalen“
gefasst werden. Frauen, die in unhygienischen Verhältnissen ihre
Kinder zur
Welt bringen müssen, Kinder, die bei schweren Infektionen keine
Antibiotika
bekommen, die trotz einschränkender Fehlbildungen keine
orthopädische Behandlung
erhalten, kurz nach der Geburt an verhinderbaren Krankheiten sterben –
Deutschland
im Jahre 2004.
Nach
dieser kurzen Einführung stellte Dr. Eisenberg einige Initiativen
von
Medizinern vor, die sich darum bemühen, die gesundheitliche
Versorgung der
papierlosen Ausländer in Deutschland zu verbessern – eine Aufgabe,
die
eigentlich dem Staate zukommen sollte. Dass es nicht bloß
humanitäre Gründe
sind, die Regierungschefs in Frankreich oder Italien dazu bewegt haben,
eine
anonymisierte medizinische Versorgung von Papierlosen einzuführen
oder gar, wie
im Falle Spaniens, sie aus der Illegalität zu befreien und sie zu
amnestieren
(also sie mit Papieren auszustatten), zeigt der Fall eines peruanischen
Kindermädchens in Deutschland, das monatelang mit einer
unentdeckten und
enbehandelten offenen Tuberkulose herumlief, da sie Angst hatte,
entdeckt und
ausgewiesen zu werden. In diesem Fall wird es offensichtlich, dass es
im
Interesse des Staates ist, sich um die medizinischen Belange seiner
gesamten
Bevölkerung zu kümmern, ncht nur derer, die das Glück
hatten, hier geboren zu
sein. Man fragt sich, warum gerade in Deutschland, das im Vergleich zu
anderen
europäischen Ländern wie Großbritannien, Frankreich,
den Niederlanden, der
Schweiz oder Spanien eine relativ niedrige Ausländer- und
Asylantenquote hat,
die allgemeine Hysterie so groß, die Furcht vor
„Sozialschmarotzer“ so groß und
die Abneigung gegenüber Menschen, die auf der Suche nach einem
besseren Leben
in unser Land kommen so enorm groß ist.
In
zahlreichen Städten in Deutschland arbeiten unabhängige
Gruppen dafür, diesen
papierlosen Menschen zu helfen. Sie suchen Arztpraxen, die bereit sind,
ihren
hippokratischen Idealen zu folgen und die hilfsbedürftigen und
illegalisierten
Menschen unentgeldlich zu behandeln. In großen Städten wie
Berlin sind
mittlerweile regelrechte Netzwerke entstanden, die sich für die
Versorgung der
über 50.000 „illegal“ in der Hauptstadt lebenden Menschen
einsetzen. Auch viele
Medizinstudierende der IPPNW sind an diesen Projekten beteiligt, haben
sie, wie
z.B. in Halle, sogar selbst ins Leben gerufen. Die IPPNW selbst hat vor
kurzem
die Kampagne „achten statt verachten“ ins Leben gerufen um die
Öffentlichkeit
für diese Problematik zu sensibilisieren und einen
gesellschaftlichen Diskurs
loszutreten.
Auch
in Düsseldorf soll im kommenden Jahr eine solche
Flüchtlingsbegleitung
geschaffen werden. Zur Zeit arbeitet die IPPNW-Studierendengruppe
daran, eine
solche Initiative logistisch vorzubereiten. Ähnliche Projekte in
Essen und Köln
sollen kontaktiert werden, damit man sich mit ihnen absprechen kann.
Wer
Interesse an diesem Projekt hat, kann sich unter ippnw@web.de
melden oder einfach mal bei einem der IPPNW-Treffen vorbeischauen, die
regelmäßig an der Heinrich-Heine-Uni statt finden.
Abschließend
noch ein schönes Zitat von Elie Wiesel, Überlebender der
Nazi-Konzentrationslager und Friedensnobelpresiträger:
„Ihr
solltet wissen, dass kein Mensch illegal ist.
Das ist ein Widerspruch
in sich.
Menschen
können schon sein oder noch schöner.
Sie können gerecht
sein oder ungerecht.
Aber
illegal? Wie kann ein Mensch illegal sein?“
---
Mehr
Informationen zu diesem Thema findet ihr im aktuellen amatom
sowie im ippnw forum, das ihr bei der IPPNW bestellen
könnt.