Als
Helfer ins Ausland ?
Pro
und
Contra
von
Entwicklungs- und
humanitärer Hilfe
Am
15.12.2010 organisierte die IPPNW Düsseldorf an der Heinrich-Heine
Uni eine spannende Podiumsdiskussion zum Thema humanitäre Hilfe
und
Entwicklungszusammenarbeit. Es kamen knapp 50 interessierte
Studierende und Ärzte um sich an der Diskussion zu beteiligen und
ihren Horizont zu erweitern.
Nach
einer kurzen Begrüßung durch Kathrin Sonnenschein von der
Düsseldorfer IPPNW, erhielten die TeilnehmerInnen eine
Einführung
in das Thema der Entwicklungszusammenarbeit und der humanitären
Hilfe durch eine Rednerin des Düsseldorfer Masterstudiengangs
"Soziale Arbeit in globalisierten Gesellschaften".
Dann
ging es auch schon los mit der Diskussion: Dr. Tarik el Scheich,
Vorstandsmitglied des Vereins "Unite for defesco" und Dr.
Alex Rosen, Vorstandsmitglied der Düsseldorfer
Flüchtlingsinitiative
stay! e.V., vertraten grundverschiedene Ansichten der Thematik.
Staatliche Entwicklungshilfe
Auf
die erste Frage von Moderator Patrick Tressin, wo das Problem in der
Erreichung der „Millenium Development Goals“ läge, erklärte
Dr.
el Scheich, dass es vor allem die zu geringe finanzielle Ausstattung
der Projekte sowie die relative Unbekanntheit der MDGs sei, die eine
konsequentere Umsetzung verhindern würden, da so kein Druck der
Zivilgesellschaft auf die jeweiligen Regierungen ausgeübt
würde. Es
sei aber grundsätzlich begrüßenswert, dass solche
verbindlichen
und überprüfbaren Ziele überhaupt definiert worden
seien: die
Bekämpfung von Armut und Hunger, die Ermöglichung von Bildung
für
alle, die Gleichstellung der Geschlechter, die Senkung der
Kindersterblichkeit, die Verbesserung der Gesundheitsversorgung von
Müttern, die Bekämpfung von HIV, Malaria und anderer schwerer
Krankheiten sowie die ökologische Nachhaltigkeit.
Abschließend
betonte er noch einmal die Bedeutung der oft beschworenen weltweiten
Partnerschaft und die Wichtigkeit der Zielerreichung der von den G20
Staaten vereinbarten Ausgabe von 0,7% des nationalen Einkommens
für
finanzielle Unterstützung der globalen Entwicklungszusammenarbeit.
Dr.
Rosen begrüßte ebenfalls die Definition klar
überprüfbarer Ziele,
sah jedoch die betroffenen Länder selbst in der Verantwortung,
diese
Ziele aus eigenen Kräften umzusetzen. In den Ländern, in
denen
solche Prozesse aus dem Land selber begonnen wurden (vor allem in
Südostasien), seien die MDGs sehr erfolgreich umgesetzt worden, in
den Ländern, die sich von Entwicklungshilfegeldern aus dem Ausland
abhängig gemacht hätten (vor allem in manchen afrikanischen
Staaten) käme die Umsetzung der Ziele auf Grund von Korruption,
staatlicher Unfähigkeit und wirtschaftlicher Stagnation nicht in
Gang. Er nannte dabei vor allem die fehlenden Bank- und Kreditwesen
in Afrika, die unfairen Handelsbarrieren durch die EU und die USA,
sowie die eher aus Eigeninteresse gesteuerten, korrumpierenden und
Inflationsinduzierenden "Hilfszahlungen" des globalen
Nordens als Hemmnisse für eine nachhaltige Entwicklung.
Entwicklungszusammenarbeit
Die
nächste Frage des Moderators bezog sich auf die zehntausenden von
unterschiedlichen Entwicklungsprojekten durch staatliche und
nichtstaatliche Organisationen, von der Weltbank über die UN, die
GTZ oder kirchlichen Initiativen bis hin zu Kleinstprojekten durch
Individuelles Engagement. Dr. Rosen argumentierte hier, dass diese
Projekte oft an den Bedürfnissen der Menschen vor Ort
vorbeiagierten
und öfter als uns bewusst sein dürfte, von Eigeninteresse
geleitet
sind. Nicht selten würden durch sog. Mikro-Makro-Phänomene
lokale
Wirtschaftszweige oder soziale Strukturen geschwächt oder ganz
zerstört werden und die wirtschaftliche Entwicklung durch diese
Hilfsprojekte eher gehemmt als gefördert werden. Dazu trage die
unkoordinierte Zersplitterung und Unprofessionalität vieler
Organisationen bei, die oft gegeneinander statt miteinander arbeiten
würden. Er plädierte abschließend für eine
Interaktion auf
Augenhöhe statt ...einer herablassenden Haltung? und kritisierte,
dass viele engagierte Entwicklungshelfer die Menschen des globalen
Südens wie Kinder behandeln würden, denen jede
Selbstständigkeit
abgesprochen werden würde.
Dr.
el Scheich erwiderte auf diese Kritik, dass wirtschaftliche
Entwicklung nur in Gesellschaften erfolgreich sein könnte, die
eine
Basisgesundung und eine Alphabetisierung der Bevölkerung
durchgesetzt hätten. Neben einer Schaffung von grundlegenden
Versorgungsstrukturen käme es hierbei auch auf die
Ermöglichung
sauberer Trinkwasserquellen und die Verbesserung der Partizipation
der Zivilgesellschaft an. Entwicklungsprojekte, die diese
Einbeziehung der lokalen Kräfte umsetzen würden, arbeiteten
nicht
an den Bedürfnissen der Menschen vorbei, sondern sähen gerade
diese
als ihre primären Aufgabenbereiche. Durch solche
Entwicklungszusammenarbeit auf Augenhöhe könne hier wie dort
ein
neues gesellschaftliches Bewusstsein gefördert werden, welches mit
der gegenseitigen Arroganz der Vergangenheit aufräume. Letztlich
zog
er das Beispiel Albert Schweitzers heran, dessen Projekt "Lambarene"
übersetzt "Versuchen wir es" bedeutet und sinnbildlich für
die Notwendigkeit stehe, angesichts von Unrecht und Leid
Menschlichkeit zu beweisen. Schließlich, so Dr. el Scheich, seien
es
vielfach die Länder des Nordens, die durch Kolonialisierung,
Versklavung, Imperialismus und Lohndumping die Verantwortung dafür
trügen, dass es den Menschen in Afrika heute so schlecht gehe und
es
nun die Pflicht der ehemaligen Kolonialherrscher sei, die
problematischen Folgen der Unterdrückung gemeinsam
einzudämmen.
Humanitäre Hilfe
Nach
diesem hitzigen Einstieg wechselte der Moderator zu einem anderen
Thema: der humanitären Hilfe. "An der gibt es doch sicherlich
nichts auszusetzen, oder?" fragte er Dr. Rosen. Dieser
erwiderte, dass auch in der humanitären
Hilfe, also beispielsweise nach Naturkatastrophen oder Kriegen,
zahlreiche Organisationen miteinander konkurrierten und
dementsprechend unproduktiv und unprofessionell agieren würden.
Die
Konkurrenz um den riesigen Topf staatlicher Nothilfegelder führe
zur
Bildung einer wahren "Mitleidsindustrie", in der Tausende
von Arbeitsplätzen von
der Leistung von Nothilfe abhängen würden, so dass nicht das
Leid
der Betroffenen, sondern auch die Existenz der Helfenden eine
wichtige Bezugsgröße geworden sei. Dies führe immer
wieder dazu,
so Dr. Rosen, dass humanitäre Hilfe vor allem den Verursachern der
humanitären Katastrophen nützen würde, da sie
Hilfsorganisationen
manipulieren, erpressen und gegen einander ausspielen würden. Ob
in
Indonesien nach dem Tsunami, im bürgerkriegsgeplagten Somalia oder
nach dem Völkermord in Rwanda: oft profitierten
gerade Warlords, Militanten und Mittelmänner von Hilfszahlungen
und
-güter. Nahrungshilfen würden von den Konfliktparteien als
Waffe
benutzt und die humanitäre Hilfe drohe, Krisen nicht zu stoppen,
sondern lediglich erträglicher zu
machen und somit zu verlängern.
Dr.
el Scheich widersprach dieser
Darstellung und stellte die Notwendigkeit humanitärer Hilfe in den
Mittelpunkt seiner Argumentation. Schon das Wort "humanitär"
beziehe sich auf die Menschlichkeit des
Unterfangens und unterstreiche die zu
Grunde liegenden Menschenrechte, die durch die Hilfeleistungen
verteidigt werden sollen. Die Würde des Menschen als unantastbares
Gut sei die Grundlage für humanitäre Hilfe und die Arbeit der
Helfer nach Katastrophen oder Kriegen mit der eines Arztes in einer
Notfallambulanz vergleichbar: es komme nicht darauf an, welche
Ethnie, Parteizugehörigkeit oder Religion jemand besitze,
ob er Schuld auf sich geladen habe oder nicht - sondern darauf, dass
er leide und dass er seine
Menschenrechte auf Gesundheit, körperliche Unversehrtheit und
Sicherheit wahrnehmen können müsse.
Gerade als Mediziner, so Dr. el Scheich, könnten
wir uns von der Pflicht, in solchen Situationen zu helfen, gar nicht
entziehen. Zudem könne nur durch konsequente
Nothilfe die Grundlage für eine weiterführende
Entwicklungszusammenarbeit gelegt werden, die ein Erstarken
sozialer Strukturen ermögliche.
Die Rolle des Einzelnen

Tressin
fragte abschließend konkret nach den Möglichkeiten, die der
Einzelne nun habe, Menschen in Entwicklungsländern zu helfen und
welche Fragen man an Organisationen stellen müsste, die man
unterstützen oder mit denen man arbeiten möchte. Dr. el
Scheich
zählte hier neben den bekannten MSF auch Organisationen wie die
GTZ
oder die WHO auf, wies aber auch auf die zahlreichen lokalen Projekte
hin, die im kleinen Rahmen Menschlichkeit bewiesen und zu einem
gesellschaftlichen Umdenken beitragen würden. Er führte aus,
dass
es in der Möglichkeit jedes Menschen liegen würde, etwas dazu
beizutragen, diese Welt gerechter
und besser zu
machen - ob Lehrer, Architekt, Arzt oder Student, ob
Bauarbeiter oder Wirtschaftsboss - jeder könne und sollte seinen
Teil dazu beitragen. Allein schon der Besuch eines Entwicklungslandes
mit offenen Augen könne dazu beitragen, die Probleme der Menschen
besser zu verstehen und in der Heimat für eine gerechtere
Aufteilung
der Ressourcen dieses Planeten
zu streiten. So empfahl er auch den Studierenden,
einen Teil
ihrer Ausbildung in Entwicklungsländern zu absolvieren. Als
wichtige
Fragen an Hilfsorganisationen nannte Dr. el Scheich die nach klaren,
quantifizierbaren Zielen, nach der Vereinbarkeit dieser Ziele mit den
eigenen Wertvorstellungen, nach der Einbeziehung der lokalen
Zivilgesellschaft und der Nachhaltigkeit, z.B. durch Ausbildung
lokaler Kräfte.
Dr.
Rosen warnte anschließend vor falsch verstandenem Engagement, der
vielmehr der eigenen Situation nütze als den Menschen in den
Entwicklungsländern. "Surf and travel" Famulaturen,
"wohltätige" medizinische Einsätze von schlecht
ausgebildeten Ärzten oder Medizinstudierenden oder der Besuch
anderer Länder mit vorgefertigten Ideen oder Konzepten könne
leicht
dazu führen, lokale Ideen und lokales
Engagement zu verdrängen und Leute in
eine "gemütliche Abhängigkeit" zu maneuvrieren. Wenn der
deutsche Arzt jedes Jahr ins Dorf komme,
um dort Zähne zu ziehen, würde nie die
Notwendigkeit bestehen, dass ein afrikanischer Arzt diese Aufgabe
annehme. So sollte sich jeder die Frage
stellen, ob er durch sein Engagement tatsächlich dazu beitrage,
nachhaltig die Situation der Menschen zu verbessern, oder ob er
stattdessen gerade dies verhindere und
eher sich selber nutze.
Vorstellung von Projekten
Anschließend
wurden einige exemplarische Projekte und Organisationen vorgestellt, an
denen man sich als engagierter Mediziner beteiligen kann:
Diskussion und Abschluss
Im
Laufe der Podiumsdiskussion hatten sich
ein großer Redebedarf im Publikum und viele Fragen gebildet. Auf
einige davon konnte im Laufe der einstündigen Diskussion im Plenum
eingegangen werden. Einige Studierende
aus unterschiedlichen afrikanischen Ländern bekräftigten die
Argumente gegen ausländische Interventionen in Afrika. Sie gaben
an,
dass die Länder Afrikas ihre Probleme ebenso eigenständig
in den Griff bekommen müssten, wie das viele Länder
Südostasiens
bereits tun und ja schließlich auch die Länder Europas getan
hätten. Andere Stimmen aus dem Publikum argumentierten, dass es
eine
moralische Pflicht gebe, zu helfen und dass eine neue Generation von
Entwicklungszusammenarbeit nicht die gleichen Fehler machen würde
wie in den letzten sechzig Jahren. Ein junger Arzt aus dem Publikum
fragte, welche Schritte in einer idealen Welt ein europäischer
Entwicklungsminister unternehmen sollte um den Entwicklungsländern
tatsächlich zu helfen. Dr. Rosen wies dabei vor allem auf eine
Streichung der EU-Subventionen hin ("Jede europäische Kuh
erhält am Tag 2,5 Euro Förderung - das ist mehr, als eine
Milliarde
Menschen jeden Tag zum Überlebe haben"), eine Förderung von
Mikrokreditprogrammen, Anleihesystemen auf lokaler, staatlicher und
überregionaler Ebene und eine Entwicklung von fairen
Handelsbeziehungen, die es den Staaten Afrikas ermöglichen
könnte,
ihre wirtschaftlichen Vorteile auch zu nutzen und, ähnlich wie die
Länder Südostasiens wirtschaftlich
aufzusteigen. Dr. el Scheich wies mehrfach darauf hin, dass das
Konzept der Entwicklungsarbeit mittlerweile eine deutliche
Veränderung gegenüber früherer Konzepte durchgemacht
habe und
viele Organisationen neue Ansätze vertreten, die sich an den
Bedürfnissen der Menschen orientieren würden. Vor allem
lokale
Initiativen, die von den Menschen vor
Ort ausgehen und um Unterstützung bitten, seien
förderungswürdig
und wegweisend. Am Ende hatten die meisten Leute mehr Fragen als am
Anfang, aber verließen den Hörsaal auch mit vielen neuen
Denkanstößen und Erkenntnissen.
Im
Anschluss an die Diskussion gab es im Foyer des Roy-Lichtenstein
Saals noch ein multikulturelles Buffet mit nepalischem Tee,
bulgarischem Gebäck, arabischem Salat, nepalischen Snacks,
Glühwein
und vielen anderen Köstlichkeiten. Insgesamt also ein gelungener
Abend, der sicherlich bald Nachahmung in Form weiterer
Diskussionsrunden finden dürfte.
Weiterführende
Literatur:
- "Dead
Aid" von Dambisa Moyo argumentiert gegen Entwicklungshilfe und
propagiert eine Förderung wirtschaftlicher Mechanismen um
Entwicklung in Afrika voranzubringen.
- "Afrikas
Wege aus der Armutsfalle" von Walter Eberlei zeigt die Reformen
der Entwicklungszusammenarbeit in letzter Zeit auf und argumentiert
für eine internationale Kooperation
- "Die
Mitleidsindustrie" von Linda Polman kritisiert die Karavane von
Hilfsoganisationen, die in Katastrophengebiete zieht um dort
unkoordinierte Hilfe zu leisten.
- "Afrika
wird armregiert" von Volker Seitz stellt einen Insiderbericht
aus dem diplomatischen Dienst dar, der vor allem die korrupten
Regierungen in Afrika in der Pflicht sieht, sich zu ändern.
- Hans Rosling schafft mit seinen interkativen
Grafiken neue Erkentnisse über die Hintergründe von
Entwicklung und globalen Zuammenhänge: